Fallstudien aus der Homöopathie Praxis

Anhand von Fallbeispielen aus meiner täglichen Homöopathie Praxis versuche ich nachvollziehbar aufzuzeigen, was die Klassische Homöopathie bei akuten und chronischen Erkrankungen bewirken kann. Es ist immer wieder faszinierend zu beobachten, wie langjährige Beschwerden durch die korrekte Mittelwahl geheilt oder gelindert werden. Für mich als Homöopath ist es sehr wichtig zu verstehen, warum ein Mensch erkrankt ist, um eine dauerhafte Wiederherstellung der Gesundheit zu erreichen. Manchmal braucht es Geduld, bis die korrekt gewählte homöopathische Arznei den wahren Grund zum Vorschein bringt. Im seinem Organon der Heilkunst schreibt Hahnemann: § 2 Heilung Das höchste Ideal der Heilung ist schnelle, sanfte, dauerhafte Wiederherstellung der Gesundheit, oder Hebung und Vernichtung der Krankheit in ihrem ganzen Umfange auf dem kürzesten, zuverlässigsten, unnachteiligsten Wege, nach deutlich einzusehenden Gründen.

Chronische Verstopfung seit Geburt

Eine junge Mutter suchte mich mit ihrem damals knapp zwei Monate jungen Töchterchen in der Sprechstunde auf und berichtete, dass ihr Kind seit der Geburt chronisch verstopft sei und ohne mechanische Hilfe (Beinchen nach hinten halten, Stimulation mit Fieberthermometer) und ohne den Einsatz von Laxantien (Glycerin-Zäpfchen) nicht stuhlen könne. Dies äusserte sich mit erfolglosem Stuhldrang, krampfartigem Anziehen der Beinchen und quengeligem Weinen. Der Stuhl sei unformiert weich und olivgrün.
Die Schwangerschaft sei gut verlaufen, abgesehen von einer Ischialgie im siebten Schwangerschaftsmonat, welche mit einem Schmerzmittel behandelt wurde. Die Entbindung erfolgte per Kaiserschnitt, da die werdende Mutter an chronischem Rheuma litt.
Die Mutter konnte ihr Kind nur gerade sechs Tage und nur teilweise Stillen, da das Mädchen immer an der Brust einschlief. Auch gegen Ende der Flaschenmahlzeit schlafe sie meist ein und erbreche sofort oder bis zu zwei Stunden nach dem Trinken. Die erbrochene Säuglingsmilch sei flüssig bis zu einer Konsistenz von Jogurth und rieche kaum sauer.
Mit einer Woche sei eine eitrige Augenentzündung rechts aufgetreten, welche nur mit Schwarzteewaschungen behandelt wurde und später eine Nabelentzündung, welche von alleine verkrustete und abheilte.
Weiter sei das Mädchen nicht gerne nackt, weine sehr wenig, ausser wenn es Hunger habe, erschrecke nicht bei lauten, zucke aber zusammen bei relativ leisen Geräuschen.
Mir fiel vorallem auf, dass das Kind während der ganzen Konsultation schlief und sich nicht für die ihm unbekannte Stimme und fremde Umgebung zu interessieren schien.

Repertorisation und Verordnung

Das Kind zeigte klar das Beschwerdebild von Opium und dies bestätigte auch die Repertorisation (Auswertung der auffälligen und wichtigen Symptome und Mittelfindung durch Differentialdiagnose: Vergleich der zur Auswahl stehenden homöopathischen Arzneien). Ich verordnete eine Einzelgabe Opium C200. Zu diesem Zeitpunkt war mir aber noch nicht klar, warum das Kleinkind in diesen Opium-Zustand geraten ist.

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Verlauf

Opium ©www.krausz.ch

Nur gerade ein paar Tage später rief mich die Mutter des Mädchens an und berichtete völlig begeistert, dass ihr Töchterchen seit der Gabe des homöopathischen Mittels beinahe täglich problemlosen Stuhlgang habe. Auf mein Nachfragen hin erzählte sie mir, dass ihr Kind jetzt viel wacher und viel präsenter sei und nun auch oft lächle. Das Erbrechen sei tageweise sehr unterschiedlich, aber vorallem noch am Morgen wenn sie gierig trinke, da sie nachts nun durchschlafen könne. Beim Trinken der Flaschenmahlzeit schwitze sie an der Stirn (Heilreaktion von Innen nach Aussen). WAS FÜR EINE WUNDERVOLLE ARBEIT VON OPIUM!

CHRONISCHES RHEUMA

Die junge Mutter (24) vereinbarte gleich einen Termin für sich selbst. Sie beklagte sich über massive Schmerzen im grossen Rückenmuskel beidseitig, ausstrahlend ins Gesäss und in die Oberschenkel der Rückseite entlang, blitzartig stechend wie wenn ein glühendes Messer hinein gestochen und wieder heraus gezogen würde. Die Schmerzen seien schlimmer im Sitzen und Stehen, besser im Liegen mit hoch gelagerten Beinen. Um die Schmerzen einigermassen zu ertragen müsse sie täglich sehr starke Schmerzmittel einnehmen. Auf meine Frage hin, wann ihre Schwierigkeiten denn begonnen haben, erzählte sie mir, dass sie vor knapp acht Jahren für einen Sprachaufenthalt nach England gereist sei und dort zusammen mit einem Mitschüler brutal von drei jungen Engländern überfallen wurde. Ihr Mitschüler sei brutal zusammen geschlagen und ausgeraubt worden. Ihr habe man körperlich keine Gewalt angetan, aber alle Wertgegenstände weggenommen, welche sie bei sich trug. Ich fragte sie, wie sie sich in dieser Situation gefühlt habe. Daraufhin antwortete sie: "Ich weiss es nicht, ich war total apathisch, abwesend!" Sie habe sich danach geschwächt, leer und kraftlos gefühlt. Am Tag darauf habe ein anhaltender Durchfall begonnen mit Bauchkrämpfen nachts, welche ihr Angst gemacht hätten. Angst alleine nachts zu Hause vor Einbrechern und vor Gewalt habe sie schon seit ihrer Pubertät.

Nach sechs Wochen sei sie in die Schweiz zurück geflogen und da der Durchfall immer noch anhielt, ihren Hausarzt aufgesucht. Der Durchfall wurde medikamentös behandelt und verschwand. Kurz bevor sie wieder nach England hätte fliegen sollen, um vor Gericht gegen die Jugendbande auszusagen, bekam sie Halsschmerzen, Fieber und der unterdrückte Durchfall setzte wieder ein.

Knapp drei Jahre später wurde ein Morbus Crohn (chronisch entzündliche Darmerkrankung; als "Autoimmunkrankheit" der Darmschleimhaut klassifiziert) diagnostiziert. Dieser wurde mit Cortison behandelt und dadurch verschwand der (selbstheilende) Durchfall entgültig.

Bald darauf begannen die massiven Muskelschmerzen, welche als chronisches Rheuma diagnostiziert und bis dato mit Schmerzmitteln (Injektionen und Tabletten) therapiert wurden.

Beim Zuhören dieser Geschichte wurde mir völlig klar, warum das Kind dieser Frau in einen Opium-Zustand geraten war. Die werdende Mutter übertrug den unterdrückten Schockzustand während der Schwangerschaft völlig unwillentlich auf ihr Ungeborenes. Der Lebenskraft sei Dank, dass der Säugling die Apathie und die chronische Verstopfung zeigte, denn es hätte durchaus auch ein lebenslanger Leidensweg mit langwierigen Therapien daraus entstehen können.

Zwei sehr "schöne" Beispiele für "Die Reise einer Krankheit" und für die Enstehung von chronischen Krankheiten.

Repertorisation und Verordnung

Auch die Mutter des zuvor chronisch verstopften Mädchens erhielt eine Einzelgabe Opium in der Potenz C 10`000, da das auslösende Ereignis schon bald acht Jahre zurücklag und ihre Lebenskraft trotz ihrer massiven "rheumatischen" Muskelschmerzen hoch war. Auch diese Wahl der homöopathischen Arznei bestätigte die Repertorisation (Auswertung der Causa (Ursache), auffälligen und wichtigen Symptome und Mittelfindung durch den Vergleich der zur Auswahl stehenden homöopathischen Arzneien) eindeutig.

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Verlauf

Nach zwei Monaten kam meine Patientin wieder in die Sprechstunde und berichtete Folgendes: die Rückenschmerzen seien seit der Einnahme des homöopathischen Mittels vollständig abgeklungen und nicht mehr erschienen. Darmkrämpfe habe sie ebenfalls keine mehr gehabt. Es sei eine Erkältung mit Halsschmerzen, Schnupfen und eine Fieberblase an der Oberlippe rechts aufgetreten und ohne Behandlung wieder abgeklungen. Die Angst vor Gewalt, wenn sie nachts alleine ist, sei wesentlich weniger geworden. Zudem fühle sie sich viel offener und selbstbewusster. Ihrem Kind gehe es nach wie vor gut.

Sie fragte mich, ob ich ihr erklären könne, warum sie sich viel glücklicher und selbstbewusster fühle. Ich erklärte ihr, dass sie sich vorstellen solle, dass sie mit ihrem Auto mit angezogener Handbremse fahre. Obwohl sie Gas gebe, komme sie nur im Schritttempo vorwärts. Dies war ihr Zustand der letzten acht Jahre, durch den unterdrückten Durchfall, welcher als Entlastungssymptom des erlebten Schocks aufgetreten war.